Photo: Tilmann Krieg ©

Beim Umgang mit den aktuell geforderten Hygiene- und Arbeitsschutzbestimmungen stellt sich einem Theaterbetrieb die grundsätzliche Frage, gibt es auch - außer Abstandsgebote linear im Zuschauerraum und auf der Bühne einzuhalten - kreativere Lösungen, die Anforderungen umzusetzen. Ja sogar diese Beschränkungen in Kunst zu verwandeln, und so Distanzgebote, Kunstästhetik, Form und Inhalt synergetisch miteinander zu „infizieren“. Ziel muss es doch sein, einerseits Zuschauer zu schützen, andererseits aber auch Formen zu finden, die über das aktuelle Zeitgeschehen reflektieren und assoziieren.

 

Zur Umsetzung von diesen Zielen und Anforderungen hat Theater Baden Alsace ein besonderes Format entwickelt: Rollende gläserne Liveboxen mit Rundumsicht. Jeweils 1 Zuschauer kann in einer Box Platz nehmen. In Verbindung mit einer modernen Lüftungsanlage bieten die Boxen Schutz vor Infektionen und Aerosolen. Gleichzeitig bieten die Boxen, vielmehr als ein in Bühnen- und Zuschauerbereich getrennter Raum - die Chance zu neuen Darstellungsformaten. Die Zuschauer erleben mit Hilfe der Boxen das Bühnengeschehen unmittelbar. Die Grenzen zwischen Zuschauern und Performer verschwinden. Tanz, Schauspiel, Projektionen, Licht, die Zuschauer sind mittendrin. Es entsteht so eine neue lebendige künstlerische Wirkung. Distanz, Nähe, Isolation, Anpassungsfähigkeit, alle diese in der Pandemie spürbaren Themen können so formal, inhaltlich und künstlerisch aus anderen neuen Blickwinkeln bearbeitet werden. Dieses zugleich bildnerische und performative Format bietet ungemeine künstlerische Chancen.

 

Bis jetzt hat das Ensemble drei Projekte mit diesen Boxen umgesetzt, Schritt für Schritt, vom Versuch zum Experiment, um schließlich mit den gesammelten Erfahrungen ein neues Format zu entwickeln. In OUT OF THE BOX wurden Improvisationen rund um eine Theaterfigur und eine Box gefilmt, digital bearbeitet und online gestellt. Bei der Produktion „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ besteht die Bühnenszenerie nur aus Glasboxen, sie sind bildhaftes Symbol für isoliertes Leben in Wohnsilos, aufgereiht werden sie zu einem Schiff, und schließlich zu gespiegelten Eislandschaften. Mit immer neuen Anordnungen der Boxen werden Räume für die Schauspieler geschaffen, gleichzeitig Assoziationsräume für die Betrachter. Die ursprünglich für Dezember 2020 geplante Premiere musste wegen des Lockdowns verschoben werden. In „Metamorphosen“ frei nach Ovid verschwinden schließlich die Grenzen zwischen Bühne und Zuschauerraum ganz. In dieser Crossover-Produktion aus Tanz, Schauspiel und Videoinstallation sitzen 30 Zuschauer in den beweglichen Performanceboxen. Sie sind umgeben von den 11 Performern, die Betrachter werden so gleichsam zu Spielern der Ovidschen mythischen Erzählungen über die Entstehung und den Untergang von Welten. Mit den immer sichtbaren Zuschauern in ihren Boxen werden bildhafte Bögen geschaffen vom Mythos zur Moderne. Objekte der Betrachtung werden zu Subjekten, die Betrachter wieder zu Objekten der Spieler, hin und her. Wer ist Spieler? Wer Zuschauer? Jeder. Es entstehen so neue Blickwinkel, neue Betrachtungsweisen, neue Visionen. Kunst erfindet sich, befreit sich aus der Umklammerung der Pandemie.

Proben zu Metamorphose : Photo: Tilmann Krieg ©

Adventskalender 2020 "OUT OF THE BOX"