Vorwort zur Spielzeit 2020-2021

Liebes Publikum, liebe Freundinnen und Freunde unseres Theaters!

Wie viele andere Theater hat uns die durch die Pandemie notwendige Schließung der Kulturbetriebe im März jäh getroffen. Unsere neue Spielstätte im Europäischen Forum am Rhein hatten wir gerade fünf Monate eröffnet! Nach vielen Jahren der Vorbereitungen, gegen viele Kritik und Bedenken, hatten wir es geschafft, dieses in Europa einmalige Projekt zu verwirklichen. Ein Glücksfall! Jeden Tag haben wir uns über das gelungene Wagnis gefreut, ein grenzüberschreitendes Theater im ländlichen Raum zu schaffen, das vom Publikum in großer Zahl neugierig und begeistert angenommen wurde. Für diese Chance, diese unsere – fast möchte ich sagen – gemeinsame europäische Ode an die Freude, danken wir Ihnen, unserem Publikum und allen unseren Förderern, die mitgeholfen, uns über viele Jahre Mut gemacht haben.

Doch dann nach der Schließung stellten sich viele Fragen: Was jetzt? Wie arbeiten wir unter Corona-Bedingungen weiter? Hat unser Theater überhaupt eine Zukunft? Werden wir vergessen? Wie schaffen wir als Theater ohne Theater - für uns und für Sie - weiterhin einen kulturellen Sinn, unter Bedingungen einer Pandemie? Was ist wirklich wichtig in unserem Leben? Diese Frage haben Sie sich sicher genauso wie wir gestellt. Was kann und muss Kultur gerade in Krisenzeiten leisten für eine demokratische Gesellschaft?

Aber auch ganz praktisch stellte sich uns die Frage, wie können wir Theater machen, wenn Schauspieler untereinander 1.50 Abstand halten müssen? Wie kann ein Theaterbetrieb wirtschaftlich überleben, wenn nur 30% der Zuschauerplätze noch belegt werden dürfen? Krise als Chance – für viele, die von der Krise betroffen sind, ist das eine fast zynisch empfundene Phrase. Aber um eine Tatsache, das wurde uns bewusst, kommen wir nicht drum herum: Egal ob es uns gefällt oder nicht, wir müssen uns anpassen an die neuen Verhältnisse, uns verändern, im besten Fall uns gemeinsam transformieren, in eine Wert(e) erhaltene Zukunft. Wir müssen uns besinnen, auf das was wirklich wichtig ist. So wie vor dieser Krise können und dürfen wir nicht mehr weitermachen. Aus diesen Gedanken, aber auch praktischen Zwängen heraus, haben wir den Spielplan für die Saison 20/21 völlig neugestaltet, und aus der Not, aus der Krise, ein Leitthema für alle Stücke und für unsere Zukunft entwickelt: Die Notwendigkeit der Verwandlung.

Alle Produktionen, die wir Ihnen in der neuen Spielzeit zeigen, befassen sich mit dieser Verwandlung, mit dem Gestalten der Welt und sich selber, dem ersten vorsichtigen Schritt in eine neue Zukunft. Aber auch mit dem Scheitern, dem Zerbrechen an den eigenen Wünschen und Zielen. Verwandlung ist ein Weg, ein Korrigieren, ein Suchen auf dem Weg zum Ziel. Verwandlung ist ein Prozess. Ob wir jemals ankommen, wissen wir nicht. Wir sind aber eingeladen, stetig daran zu arbeiten. Das ist unser Sinn, unsere Lebensaufgabe für eine gerechtere und ökologischere Welt.

Wir erzählen Ihnen in unseren Produktionen von kleinen Schritten, die Großes für einen selber und für Andere bewirken können. Von der Suche und dem Finden nach Rettung in der vergessenen und fast verlorenen Natur. Dem Suchen und Kämpfen um Versöhnung zwischen sich, Mensch und mythischer Seelennatur. Aber wir erzählen auch von Gier, Hybris, Zerstörung von Umwelt, und damit einhergehend der Zerstörung des Menschen. Es sind Stücke über die Reise zurück, zu sich selber, ins Miteinander, in eine natürliche Zukunft. Wegstücke. Neulandstücke.

Wir freuen uns auf Sie, auf Ihre Gedanken und die Gespräche mit Ihnen.

Ihr
Edzard Schoppmann mit dem BAAL – Ensemble